Isolation


lat. engl. isolation, separation
franz. isolation Gegenbegriffe Migration
WortfeldAbdichtung, Abkapselung, Absonderung, Einsamkeit, Abgeschnittenheit, Separation, Isolierschicht, Isolierung

Disziplinäre Begriffe

  • Allgemein: Zur Bezeichnung der Verfassung einer (vereinsamten) Person.
  • Psychoanalyse: Methode in der Psychoanalyse.
  • Technik: Schutz vor (dem Verlust von) Wärme, Kälte, sowie Lärmschutz. Auch: In der Elektrotechnik die Bezeichnung für die Verhinderung des Stromflusses durch wenig leitende Materialien (Vgl.: Isolator).
  • Physik: Hier im Sinne von 'ein abgeschlossenes System'.
  • Medizin: Die Vereinzelung von Patienten, die an schweren Immunschwächen oder an schwer ansteckenden Krankheiten leiden.
  • Psychotherapie: Die Vereinzelung von Personen zur Verhütung der Selbstgefährdung.
  • Justizvollzug: Die Vereinzelung eines Häftlings als Verschärfung des Strafvollzuges.
  • Biologie: Evolutionsursache.
  • Chemie: Die Trennung (Vereinzelung) von Stoffen aus einem Stoffgemisch.

Material

A. Primärmaterial

1830Gehler, Johann Samuel Traugott: (Art.) Isolieren, in: Johann Samuel Traugott Gehler’s Physikalisches Wörterbuch. Bd. 5,2, Leipzig, 1830, S. 799-800.

B. Sekundärmaterial

Begriffsgeschichtliche Arbeiten

  • Toepfer, Georg: (Art.) Evolution, in: Historisches Wörterbuch der Biologie. Geschichte und Theorie der biologischen Grundbegriffe, Stuttgart und Weimar, 2009 ff. (Abschnitt Isolation S. 426-428)
›Isolation‹ ist ein im 18. Jahrhundert aus dem französischen ›isolation‹ ins Deutsche entlehntes Wort. Dieses wiederum geht über das italienische Verb ›isolare‹ auf ›isola‹ »Insel« (vgl. lat. ›insula‹) zurück und hat also die ursprüngliche Bedeutung »zur Insel machen, abtrennen«. Am Ende des 18. Jahrhunderts steht der Ausdruck zumeist im Kontext der Elektrizitätslehre. In biologischer Bedeutung erscheint er zu Beginn des 19. Jahrhunderts bei J.-B. Lamarck, allerdings nicht in dem später dominanten biogeografischen Sinn, sondern zur Bezeichnung der Stellung einer taxonomischen Gruppe im System der Tiere (»l’isolation plus ou moins remarquable de beaucoup d’espèces, de certains genres et même de quelques petites familles«).315 In biogeografischer Bedeutung erscheint der Ausdruck Mitte der 1830er Jahre (Blyth 1835: »Breeds […] may possibly be sometimes formed by accidental isolation in a state of nature«316; Webb & Berthelot 1836: »M. Mirbel has similarly had occasion to remark different instances of isolation […] ›Mountainous countries‹, he says, ›possess many species of limited or solitary habitats, which confine themselves to the heights, and are never found on the plains«).
Ohne den Ausdruck zu verwenden, weist L. von Buch 1825, also lange vor der Formulierung der Evolutionstheorie auf die Möglichkeit der Bildung von ↑Arten durch geografische Isolation hin: »Die Individuen der Gattungen auf Continenten breiten sich aus, entfernen sich weit, bilden durch Verschiedenheit der Standörter, Nahrung und Boden Varietäten, welche, in ihrer Entfernung nie von andern Varietäten gekreuzt und dadurch zum Haupttypus zurückgebracht, endlich constant und zur eigenen Art werden«.
Im Rahmen der Evolutionstheorie verwendet C. Darwin das Wort seit seinen ersten Entwürfen zur Evolutionstheorie. Darwin betont dabei die Bedeutung von Barrieren (»high importance of barriers«) und betrachtet die »Prinzipien« der Migration und Isolation als wichtige Faktoren für die Entstehung neuer Arten. Die Diskussion der geografischen Isolation als Evolutionsfaktor findet sich bei Darwin schon in Einträgen in seinen Notizbüchern aus den Jahren 1837-38 (»If species made by isolation, then their distribution (after physical changes) would be in rays – from certain spots«). Auch in dem nicht veröffentlichten ›Sketch‹ von 1842; taucht das Wort ›isolation‹ bereits auf. Anfangs geht Darwin davon aus, dass Artbildungen allein durch geografische Isolationen vor sich gehen, nicht nur auf Inseln, sondern auch auf dem Festland. In seinem Hauptwerk macht er dann die Bildung neuer Arten allerdings nicht von dem Vorliegen einer geografischen Isolation abhängig; er erwägt auch die Möglichkeit einer Isolation durch ethologische oder ökologische Differenzierung von am gleichen Ort lebenden Organismen, also eine sympatrische Artbildung, wie es später heißt (»I do not doubt that over the world far more species have been produced in continuous than in isolated areas«). Außerdem hält er die Wahrscheinlichkeit der Entstehung und Ausbreitung von vorteilhaften Varianten in großen Populationen für größer als in kleinen, isolierten. Wiederholt betont Darwin die große Bedeutung, die er der Isolation als Evolutionsfaktor beimisst: »Isolation […] is an important element in the process of natural selection«.
Anders als Darwin in den späten 1850er Jahren hält M. Wagner 1868 eine Artbildung ohne Isolation nicht für möglich, weil durch die ohne Isolation weiterhin vorhandene Vermischung der Merkmalsträger keine anhaltende Formveränderung möglich werde. Wagner weist also auf das Problem der mischenden Vererbung (»blending inheritance«) für eine Selektionstheorie hin (↑Selektion). Darwin, der anfangs die Mischung sogar als einen positiven Selektionsfaktor betrachtet, weil sie eine schnelle Ausbreitung vorteilhafter Formen ermögliche, ist nach der Auseinandersetzung mit Wagner der Auffassung, eine Artbildung ohne Isolation sei unwahrscheinlich, er hält aber gleichzeitig daran fest, dass sie noch nicht hinreichend ist für eine Artbildung. Auf seine früheren Einsichten in die Möglichkeit einer Artbildung aufgrund ethologischer oder ökologischer Differenzierung kommt Darwin kaum zurück.
Für die Möglichkeit einer reproduktiven Isolation ohne die Ausbildung von geografischen Barrieren spricht sich seit den frühen 1870er Jahren J.T. Gulick aus. Gulick betrachtet die Trennung von Organismen einer Art – er nennt diesen Vorgang Separation (»separation«) – für einen biologischen Prozess, eine Bedingung der Art, wie er sagt, nicht aber der Umwelt dieser Art: »Separation […] does not necessarily imply any external barriers, or even the occupation of separate districts« Der biologische Vorgang der Separation kann nach Gulick zu einer Segregation (»segregation «) führen, d.h. zu dem stabilen Zustand der Kreuzung ähnlicher Formen und der Vermeidung der Kreuzung unähnlicher Formen. Die Folge der reproduktiven Separation ist nach Gulick eine divergierende Evolution (»divergent evolution«): Bei dieser Form der Evolution kommt es zu einer Transformation einer Art in verschiedene neue Arten (»Typen«), weshalb Gulick auch von einer polytypischen Evolution (»polytypic evolution«) spricht – diese steht im Gegensatz zu einer monotypischen Evolution (»monotypic evolution«), die allein in der Umwandlung einer Art ohne Aufspaltung besteht. Die zur Entstehung neuer Arten führende divergierende Evolution meint Gulick nicht über das Prinzip der Natürlichen Selektion erklären zu können; er will daher dem Gesetz der Selektion ein ebenso fundamentales Gesetz der Segregation an die Seite stellen. Im 20. Jahrhundert werden die von Gulick ›Separation‹ und ›Segregation‹ genannten Phänomene, meist als ›Isolation‹ bezeichnet. Entgegen der Wortverwendung bei Gulick, wird unter einer ›Separation‹ manchmal allein eine geografische Trennung verstanden, die von der biologischen ›Isolation‹ unterschieden wird. Gulicks Einsicht, dass eine reproduktive Isolation von Populationen keine räumliche Trennung voraussetzt, sondern auf anderen (biologischen) Barrieren beruhen kann, wird vielfach bestätigt.
Bis in die 1930er Jahre wird ›Isolation‹ vielfach als ein primär räumlich-geografischer Begriff verstanden, der sich auf die Ursachen der biologischen Artbildung bezieht, nicht auf die biologischen Mechanismen selbst (Četverikov 1926: »the degree of differentiation within a species is directly proportional to the degree of isolation of its separate parts«).
T. Dobzhansky führt 1935 die Bezeichnung Isolationsmechanismen (»isolating mechanisms«) ein. Er definiert sie als alle Strukturen, die eine Kreuzung von Individuen verhindern (»any agent that hinders the interbreeding of groups of individuals«). Dobzahansky versteht darunter sowohl nichtbiologische (»geografische«) als auch biologische (»physiologische «) Faktoren (wenn er auch besonderes Gewicht auf letztere legt: »the presence of physiological mechanisms making interbreeding difficult or impossible«).
E. Mayr grenzt die Isolationsmechanismen 1942 auf rein biologische Faktoren ein. Organismen, die sich an geografisch weit voneinander entfernten Orten befinden, müssen daher nach der Definition Mayrs nicht reproduktiv gegeneinander isoliert sein (weil sie durch geografische und nicht biologische Ursachen voneinander getrennt sind). 1963 definiert Mayr Isolationsmechanismen als biologische Eigenschaften von Individuen: »isolating mechanisms are biological properties of individuals that prevent the interbreeding of populations that are actually or potentially sympatric«. Isolationsmechanismen werden im Anschluss daran auf unterschiedlichen biologischen Ebenen identifiziert: auf ethologischer (z.B. Balzverhalten) und ökologischer (z.B. Einnischung) ebenso wie auf morphologischer (z.B. Form der Geschlechtswerkzeuge) und zytologischer (z.B. Polyploidie und andere Chromosomenunterschiede).
Ausgehend von der Populationsgenetik kann die morphologisch-physiologische Divergenz von Organismen nicht allein als eine Folge, sondern auch als eine Ursache der allmählichen (reproduktiven) Isolation von Arten und als eine Anpassung daran interpretiert werden. Denn Hybride zwischen verschiedenen Formen haben oft einen Fitnessnachteil gegenüber den »reinen« Formen; das etablierte Genom dieser Formen weist eine Integrität auf, die den Organismen einen selektiven Vorteil verleiht. Die Selektion wirkt also in Richtung der Verbesserung der Isolationsmechanismen, weil die Kreuzungen zwischen den morphologisch und physiologisch verschiedenen Organismen in der Regel einer Art einen Fitnessnachteil haben (↑Art).
Die Bedeutung der Isolation für die Entstehung neuer Arten wird seit den 1940er Jahren von E. Mayr betont. In seinen Untersuchungen der geografischen Variation der Vögel der Südsee stellt Mayr fest, dass die Individuen der peripheren Sektoren des Verbreitungsgebiets der Art am meisten von den für die Art typischen Vertretern abweichen. Aus dieser Beobachtung entwickelt Mayr das von ihm so genannte Gründerprinzip (»›founder‹ principle«), nach dem in der kleinen Population, die ein neues isoliertes Areal besiedelt, (also der »Gründerpopulation«) die besten Voraussetzungen für die Entstehung einer neuen Art gegeben sind. Denn die neue Population, die sich isoliert von ihrer Ausgangspopulation etabliert, enthält nur einen kleinen Teil der genetischen Vielfalt der Art und kann in Verbindung mit einer neuen Umwelt neue evolutionäre Wege einschlagen. In der Gründerpopulation kann es zu genetischen Umstrukturierungen kommen, die geradezu den Charakter von »genetischen Revolutionen« annehmen können.
Mayr betrachtet die Isolation in der Folge seiner Untersuchungen als einen eigenen evolutionären Faktor: Die wesentlichen Schritte der Artbildung vollziehen sich nach Mayr in der Regel aufgrund von Isolationsprozessen; die Rolle der sympatrischen Speziation schätzt Mayr dagegen eher gering ein.
  • (Art.) Isolation, in: Warner, Alfred (Hg.) Historisches Wörterbuch der Elektrotechnik, Informationstechnik und Elektrophysik. Zur Herkunft ihrer Begriffe, Benennungen und Zeichen, Frankfurt a.M., 2007.

Siehe auch:

  • Dierse, U, u.a.: (Art.) Einsamkeit, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hg.v. J. Ritter u. K. Gründer. Bd. 4, Basel/Stuttgart, 1976, Sp. 407-413.

Sonstige Literatur

/kunden/homepages/32/d22880760/htdocs/wiki/Begriffsgeschichte/data/pages/isolation.txt · Zuletzt geändert: 2015/12/15 14:39 (Externe Bearbeitung)
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